Auszug aus der Laudatio von Frau Dr. Klaudia Nebelin, Frauenmuseum Bonn 01.2014

Pascholds Werke bestechen seit jeher durch ihre kompositorische Eigenleistung und handwerklichen Perfektionismus. Zuerst – und das ist wichtig – wer ihre Portraits nicht im Original sieht, mag denken, dass es sich auch hier „nur“ um bearbeitete Fotos handelt, aufgezogen auf Leinwand und künstlerisch bearbeitet. Mitnichten: Sämtliche Werke sind frei Hand geschaffen – ja, zum Teil auf Anregung durch fotografische Vorlagen, aber nie ausgehend vom Fotodruck. Insofern sollte man sich hüten, leichthin den arg strapazierten Vergleich mit den Arbeiten der Pop Art zu ziehen, deren Vertreter sich mit der medialen Reproduzierbarkeit von Wirklichkeit und der daraus resultierenden Wahrnehmung befassten.

Die Idee, die Pascholds Arbeiten zugrunde liegt, zeigt etwas Neues auf, das eher der Postmoderne und der Auffassung vom Verhältnis von Malerei und Fotografie im Sinne des „Abmalens“ eines Gerhard Richters zugeordnet werden kann. Ihre Gemälde konterkarieren fotorealistische Malerei, indem Paschold mit den Mitteln der Malerei deren illusionistische Funktion der Wirklichkeitsdarstellung bricht und sie in ihren aktuellen Arbeiten bis zur Unkenntlichkeit verfremdet und abstrahiert. Es entsteht eine autonome Wirklichkeit des Bildes.

So, wie wir die Wirklichkeit immer weniger durch eigene Anschauung, sondern vielmehr durch die Vermittlung technischer Medien erleben, so ist auch im Bild nicht mehr das Abgebildete, sondern die Abbildung selbst Realität. Dabei hat das Gemälde stärker eine eigene „Wirklichkeit“ als das Foto, weil es mehr materielle Präsenz besitzt. Oder, um mit den Worten Richters zu sprechen: „Das, was wir so als Wirklichkeit bezeichnen, ist nicht da und nicht wirklich, solange es nicht als Kunst Wirklichkeit geworden ist. Kunst macht also nie Aussage über Wirklichkeit, sondern ist selbst die einzige Wirklichkeit, die da ist.“1 1 Gerhard Richter in einem Interview. Zitiert nach: Ingo F. Walther (Hrsg.). Kunst des 20. Jahrhunderts, Köln 2000, S. 342.

Die Portraits: Extreme Formate, leuchtende, dominante Farben, im Fokus: Menschen unserer Zeit, die wir aus dem öffentlichen Leben kennen, aber auch unbekannte Gesichter. Augen, ja lachende, betörende; selbstbewusst schauen sie auf den Betrachter und setzen damit unweigerlich einen mentalen Prozess und den Dialog mit dem Portraitierten in Gang. Diese Gesichter strahlen – Carola Paschold hat bei ihren Arbeiten feine Kunstgriffe angewendet. Viele ihrer Portraits – meistens die frühen wie „Toby I“ oder „Angela Merkel“ verzichten noch auf einen gestalteten Hintergrund. Gesicht und Fläche sind nur durch Nuancen geschieden, einzelne Details sind jedoch punktuell und durch farbige Konturen und Punkte hervorgehoben und die Künstlerin arbeitet stark mit Komplementärkontrasten. Portraits, die durch die eigenwillige Interpretation eines Künstlers entstehen, gewinnen heute so einen ganz neuen Stellenwert.

Erstens: Jedes Portrait ist Ausdruck der gesellschaftlichen Situation und Zeit, in der es entsteht. Zweitens: Der Begriff ‚Portrait‘ lässt sich auf den lateinischen Wortstamm “portrahere” zurückführen und heißt so viel wie “hervorbringen”, “herausziehen” – die Eigenschaften einer Person sollen also in einem Bild ans Licht gebracht werden. Jedes gute Portrait zeigt daher etwas für den dargestellten Menschen Typisches, das der Künstler mit seinen Mitteln, seiner Intuition und Kreativität unverwechselbar erscheinen lässt. Carola Paschold zeigt hier ein „kollektives Bildgedächtnis“ – wie Dr. Stefanie Lucci sehr zutreffend schreibt.

Ihre Menschen stammen aus Politik, Wirtschaft, Werbung, Film und Kunst – darunter bekannte Persönlichkeiten. Aber es sind auch anonyme darunter, Freunde, Menschen mit Migrationshintergrund, Gesichter, die Paschold bei Recherchen im Internet entdeckt. Alle Portraitierten strahlen Stärke, Optimismus, Individualismus aus. Besonders die jungen Gesichter wirken herausfordernd und konfrontieren den Betrachter direkt und frontal. Sie scheinen eine Reflexion unserer Gegenwart zu sein, die vor Farben, Licht und Größe nur so strotzt, die Überfluss und Grenzenlosigkeit suggeriert, die auf Schnelligkeit, schnelle Bildfolgen und mit der Perfektionierung der makellosen Schönheit auf ewige Jugend setzt. Und doch geht das „Typische“, das Individuelle des Gesichtes nie verloren, denn Paschold fokussiert einzelne Details, schneidet ihre Portraits an, zeigt Ausschnitte und unterstreicht dadurch Eigenarten und Besonderheiten. Wer von Carola Paschold portraitiert wird, kann sicher sein, dass ihm „die Zeit ins Gesicht geschrieben wird“ – er muss sich aber auch nicht sorgen, dass das Markante, das Individuelle, die Schönheit verloren gehen. Mit den Mitteln der Malerei wird dieses Gesicht auf jeden Fall einmalig.

„Let’s try to talk with…“ die Arbeiten der neuen Serie „Performance or Life?“: Sie sind von der Kompositorik und von der Farbgebung aus betrachtet ein weiterer Schritt in Pascholds künstlerischer Entwicklung. Man sieht hier Menschengruppen vor gestalteten Hintergründen, die nun noch stärker in die Bildinhalte einfließen und eigene Geschichten erzählen. Sie bannt Erlebtes und Zeugnisse der Zeit in ihre Bilder. Es sind Momentaufnahmen, die der Betrachter auf Anhieb nicht einordnen kann, die ihn aber zu inhaltlicher Auseinandersetzung und Dialog zwingen. Z. B. „The Final Cut“ ist inspiriert durch eine Body-Painting-Performance im Bonner Frauenmuseum. Die Künstlerinnen erschienen nackt in Farbe und wurden im Finale mit Farbpistolen beschossen. Die Anmut, Spannkraft und auch der Mut der Damen, spiegelt sich auf eine wunderbare Weise in diesem Bild. Paschold hat diesen magischen Moment der Performance präzise und authentisch eingefangen.

Dr. Phil. Klaudia Nebelin, Frauenmuseum Bonn

Contemporary Portrait Art
Portrait XXL

Wenn Anna mit pink-farbigem Haar und Lippenpiercing zum elitären Abi-Ball erscheint, ist das Ausdruck einer ganzen Generation. Wenn sich Menschen in Facebook, Twitter und Co. virtuell begegnen, ist das das Lebensgefühl von heute. Es ist lebendig, schnell und voller visueller Eindrücke.

Carola Paschold ist fasziniert von den Ausprägungen unserer Zeit. Sie spürt der Flut der ständig wechselnden Eindrücke nach, sichtet die Medien und die Werbung, hört die aktuelle Musik, sieht die angesagten Filme, klickt sich durchs Netz und nimmt teil an den Lebenswelten ihrer jungen Töchter. Dabei ist sie stets auf der Suche nach ausdrucksstarken Menschen, die das Jetzt-Gefühl authentisch transportieren.
Diese Menschen bannt sie in ihren großformatigen Bildern Portrait XXL als Ikonen ihrer Zeit. Die Menschen sind anonyme Modelle aus der Werbung, Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien, Menschen mit Migrationshintergrund, Teenager, Schauspieler und Sänger. Es sind Gesichter unserer Zeit, - wie Anna.  

Carola Pascholds Malereien sind dynamisch und vibrieren. Sie leuchten von innen heraus. Die Malweise reflektiert die Ästhetik der Popkultur. Damit verweist Carola Paschold auf ein Merkmal der Gegenwart, die populär kulturelle Ausprägung aller Lebensbereiche, von Infotainment bis hin zu Superstar.
Die extremen Formate der Bilder zitieren die Dimensionen von Großbilddisplays und Werbeleinwänden, wie sie beispielsweise im Außenbereich an Häuserwänden über mehrere Stockwerke hinweg zu finden sind. Der Titel der Werkreihe greift damit ein weiteres Phänomen der Gegenwart auf, die visuelle Ausuferung über traditionelle Bildgrenzen hinweg in den öffentlichen Raum hinein.

Mit Portrait XXL lotet Carola Paschold diese Überlagerung verschiedener kultureller und künstlerischer Sphären aus, verbunden mit ihren sich ständig verschiebenden Wertigkeiten. Portrait XXL sind Portraits unserer sich wandelnden Gegenwart, verkörpert durch Menschen, als Posing and Action Subjects, als Various Actors und Unknowing Objects. Portrait XXL ist kollektives Bildgedächtnis.

Dr. Stefanie Lucci